Konzept: Formationentheorie

Eine Arbeitstheorie zum Formationsreiten


Einleitung

Bei der Komposition der einzelnen Figuren eines Formationsrittes, sei es nun ein Pas-de-deux oder eine große Schulquadrille, steht man immer wieder vor der Aufgabe, sich schöne und reitbare Figuren zu überlegen, sowie diese so aneinanderzureihen, dass sich daraus ein stimmiges, zur Musik passendes, Gesamtbild ergibt.

Je mehr Pferde mitreiten und je höher das Niveau der einzelnen Pferde ist, umso mehr Möglichkeiten hat man dabei. Im Prinzip ist der Planer völlig frei sich neue Figuren zusammenzustellen, oftmals wird er aber hauptsächlich auf "altbewährte" Figuren zurückgreifen.

Wer selbst einmal vor der Aufgabe stand, eine eigene Quadrille zu planen, wird wissen, wie schwierig es ist, z.B. auf planvollem Weg eine bestimmte Reihenfolge wieder herzustellen oder elegant von einer Figur auf eine andere überzugehen.

Für das Verständnis und Lösung der Problematik ist es sinnvoll, ein Modell oder System von Begriffen anzuwenden, mit dem es möglich ist, einzelne Figuren zu beschreiben. Für die Erstellung eines Softwaresystems war es unbedingte Voraussetzung.

Definition: Formation

Eine Formation besteht aus mindestens zwei berittenen Pferden. Die einzelnen Reiter der Formation koordinieren sich dabei untereinander. Wenn von einer Formation die Rede ist, müssen dabei nicht zwangsläufig alle Pferde innerhalb der Reitbahn gemeint sein. Es ist vielmehr möglich, jeweils auch nur einen Teil des Gesamtbildes zu betrachten. So können pro Figur durchaus mehrere Formationen bestehen,

Die Verwendung des Begriffes "Formation" weicht hier ein wenig von der gebräuchlichen ab und wird etwas "freier" definiert. Er soll als Oberbegriff für all das dienen, wofür gemeinhin auch "Formationsreiten" verwendet wird. Also nicht nur das starre reiten in einer Gruppe in einer festen Position sondern der beständige Wechsel von einer Figur in die nächste, von der einen Ordnung in eine andere. Dies macht ja den Reiz des Formationsreitens aus!


Definition: Geordnet und Evolution

Eine Formation kann sich zu einem Zeitpunkt in einem von zwei Zuständen befinden:

  1. Geordnet: Alle Reiter (Schattenpferde) orientieren sich an einem Leitpferd und bilden dessen Spur nach einem festen Schema ab. Die Abstände zueinander ändern sich im wesentlichen nicht (Ausnahme: Gebogene Linie).
  2. In Evolution: Bei Evolutionen ändern sich die Abstände der Pferde zueinander. Dies kann planvoll (also nach einer bestimmten Figur) oder nur zielorientiert (Zum Beispiel: nach dem warmreiten in zufälliger Reihenfolge eine Abteilung bildem) geschehen.

Die Begriffe erscheinen mir einigermaßen griffig. Der Begriff "Evolutionen" ist bereits sehr alt. Er ist aus den Anforderungen des Militärs hervorgegangen und wird auch und gerade für die Kavallerie verwendet. Beim Militär ging es dabei z.B. darum möglichst schnell von einer Marschordnung (z.B. in "Vierer-Reihen") in eine Gefechtsordnung überzugehen (z.B. "in Linie"). Genau solche Manöver meine ich, wenn ich von Evolutionen schreibe.

Die Geordnete Formation

Die Formation in Reihe und Glied ist die praktikabelste Möglichkeit, die Ordnung in einer Formation zu erfassen. Wie in einem Koordinatensystem wird hier jedem Pferd sein Platz in der Formation zugewiesen, man gibt einfach die Reihe und das Glied an.

In einer Formation in Reihe und Glied bekommt also jedes einzelne Schattenpferd einen horizontalen (Spalte) und einen vertikalen (Reihe) Abstand vom Leitpferd zugewiesen. Die Reihe bestimmt, wann nach dem Leitpferd die enstprechende Figur ausgeführt wird, die Spalte bestimmt ob in größerem oder kleinerem Bogen geritten werden soll. Die Pferde laufen dann neben- und hintereinander durch die Kurve.

Eine Geordnete Formation lässt sich also immer wie folgt deklarieren:

In vielen Fällen genügt es aber auch, einfach zu sagen "zu einem" oder "zu zweien" oder "in Viererreihen".

Möglichkeiten für Evolutionen

Evolutionen sind deutlich vielfältiger. Nicht alle folgen einem starren Muster: Ein einfaches Beispiel ist das Kommando "Abteilung bilden", wo aus einer quasi chaotischen "Wolke" eine klare Ordnung hervorgeht. Dennoch gibt es einige spezielle Evolutionen, die wiederholbar zu schönen Figuren führen:

In der synchronen Evolution kopieren die Schattenpferde die Spur des Leitpferdes einfach 1:1. Alle Figuren werden also gleichzeitig (daher synchron) und gleichförmig ausgeführt.

Ist eine Evolution komplementär, so werden die geraden Spurelemente 1:1, die gebogenen allerdings spiegelverkehrt kopiert. Führt das Leitpferd beispielsweise eine Volte nach rechts aus, so geht das Schattenpferd in eine Linksvolte.

Einige Evolutionen sind ordnungserhaltend, das heisst, nach Ausführung der Evolution ist wieder jedes Pferd an seinem richtigen Platz in der Formation. Das kann z.B. einfach eine synchron ausgeführte Volte sein.

Einige Evolutionen sind umordnend, das heisst, Sie führen von einer Ordnung in eine andere. Z.B. wenn sich eine Formation aufteilt oder aus Einzelabteilungen zusammen geführt wird.

Synchrone Evolution Geordnet (Formation in Reihe und Glied) Komplementäre (und synchrone) Evolution
synchrone Formation Formation in Reihe und Glied synchrone Formation

Analyse-Beispiele

1. Eine Anzahl Reiter reiten hintereinander an der langen Seite geradeaus. Auf einen "Pfiff" hin führen alle gleichzeitig eine Kehrtvolte aus.
Zunächst sind die Pferde geordnet, genauer zu einem. Mit ausführen der Kehrtvolte verlassen Sie die Ordnung und führen die synchrone und umordnende Evolution "Kehrtvolte" aus. Haben alle die Kehrtvolte zuende ausgeführt befinden Sie sich in einer neuen (da umgekehrte Reihenfolge!) Ordnung, ebenfalls wieder zu einem.

2. Eine Anzahl Pferde schreiten hintereinander an der langen Seite geradeaus. Auf einen "Pfiff" hin führen alle Gleichzeitig eine Volte aus.
Nun handelt es sich um eine synchrone und ordnungserhaltende Evolution.

3. Zwei Abteilungen reiten im gegenläufigen Sinn ganze Bahn. An der langen Seite befinden sich die einzelnen Pferde gegenüber den Pferden der anderen Abteilung.
Jede Abteilung ist für sich geordnet. Abteilung 1 verhält sich gegenüber Abteilung 2 synchron und komplementär. Während eines Zeitpunktes können also auch mehrere Anordnungen bestehen.

Definition: Figur

Eine Figur ist ein klar begrenzter zeitlicher Abschnitt innerhalb einer Kür. Der Planer eines Formationsrittes definiert jeweils über ein separates Einzelbild (siehe auch im Tutorial Notation) auch eine neue Figur. Eine Figur entspricht also - im Sinne der Notation .- einem Einzelbild.
Technisch ist im Softwaresystem die Figur auch die kleinste Einheit in der Sie einen einzelnen Formationstypus (Geordnet, Synchron, oder frei) verwenden können. Die einzelne Formation wird also pro Figur definiert.

Tipps zur Synthese von Figuren

Geht es darum, neue Figuren zu kreieren, so möchte ich folgende Tipps geben:

1. Betrachten Sie die Ausgangsfigur. Welche Formationen können Sie erkennen? Gibt es mehrere Einzelformationen? Wie verhalten sich die Einzelformationen zueinander?
2. Verwenden Sie eine einfache Hufschlagfigur als Ausgangspunkt.
3. Experimentieren Sie mit der gewählten Hufschlagfigur: Wie sieht das ganze synchron aus? Wie, wenn das eine Abteilung komplementär zur anderen macht? Viele Möglichkeiten werden nicht durchführbar sein, weil die Reitbahn zu eng ist oder Kollisionsgefahr besteht.
4. Ändern Sie die Ausgangssituation. Ein paar Schritt vor oder zurück machen es oft möglich, bestimmte Figuren doch noch auszuführen.

Umsetzung im Softwaresystem

Die Software positioniert die Pferde nur am Anfang des Plans automatisch in Formation, danach bietet Sie lediglich die Möglichkeit an, die Pferde in Ihrer gegebener Ordnung als geordnete Formation zu führen oder synchron eine bestimmte Spur (die des Leitpferdes) auszuführen. Es bleibt die Kunst und das Geschick des Planers, geeignete Entwicklungen (Evolutionen) zu finden, um die Pferde richtig zu positionieren.

Ebenso bleibt die Wahl der geeigneten Gangart und des Tempos des jeweiligen Schattenpferdes in der Hand des Planers, auch hier offenbart sich die Quadrillenplanung als Kunst, wo Erfarung trägt.

Weitere Hinweise


Die neue Quadrillenschule Benötigte Lizenz: keine
Hilfesystem/Konzepte/Formationen
2005,2006 Andreas Zottmann